Der geplante Tagebau Welzow-Süd – Teilfeld II Drucken E-Mail
Mittwoch, den 23. Mai 2012 um 06:50 Uhr

Etwa 4000 Einwender haben sich bis zum 30. November 2011 gegen den von Vattenfall beabsichtigten Braunkohletagebau Welzow-Süd II ausgesprochen. Zu den Unterzeichnern zählt auch der Schauspieler und Theaterintendant Peter Sodann, der im Jahr 2009 als Bundespräsident kandidierte. Er und mehr als 3.700 weitere Menschen haben sich der Stellungnahme der Umweltverbände angeschlossen, um das klimaschädliche Vorhaben zu stoppen.

Was ist geplant?

Der Vattenfall-Konzern will südlich von Cottbus weitere 1900 Hektar abbaggern, um Braunkohle für seine Kraftwerke zu gewinnen. Dort würden daraus 204 Millionen Tonnen klimaschädliches CO2 freigesetzt. 810 Menschen sind dieser Planung im Weg und müßten aus Proschim, Lindenfeld und Welzow umgesiedelt werden. Die Stadt Welzow würde auf einer Halbinsel und der Ort Lieske auf einem schmalen Streifen zwischen altem und neuem Bergbau eingeklemmt, Bahnsdorf stünde direkt an der Tagebaukante. Von 2027 bis 2042 würde hier Kohle gefördert, danach ein „Welzower See“ von 1600 Hektar Fläche geflutet, der aber wie die benachbarten Tagebauseen versauern und wegen Rutschungsgefahr gesperrt werden könnte.

Ausschnitt aus dem Entwurf des Braunkohlenplanes

Hier der von vielen Bürgern unterzeichnete Musterbrief (pdf, 15 kB) der GRÜNEN LIGA
Hier unsere Stellungnahme zum Braunkohlenplanverfahren (pdf, 68 S., 521 kB)

Stimmen aus der Region

Ortsvorsteherin Petra Rösch, (zugleich Geschäftsführerin der Landwirte Proschim GmbH): "Wir sollen unsere Ackerflächen verlieren und nur noch auf der Bergbaukippe wirtschaften, wo die Böden erst nach Jahrzehnten annehmbare Erträge bringen. Der Firmenverbund Proschim fürchtet um die Existenz seiner derzeit 89 Angestellten, falls der Tagebau kommt. Deshalb kämpfen wir mit aller Kraft für Proschim und gegen Vattenfalls Pläne."
Neben den Umsiedlern sehen auch diejenigen den Tagebau als Bedrohung, denen ein Leben am Rande der Grube bevorstünde. Während die Stadt Welzow zur Halbinsel im Tagebau würde, droht dem nahe gelegenen Dorf Lieske ein ähnlich dramatisches Schicksal: "Wir Liesker leben seit Jahrzehnten mit dem Restloch. Die Kippenstraße nach Kleinkoschen ist eines Tages weggerutscht, einfach so. Kommt noch der Tagebau Welzow II von der anderen Seite, leben wir an der Grubenkante wie auf einem Bahndamm. Die letzten gewachsenen Flächen um Lieske und Bahnsdorf herum würden verschwinden." sagt Christoph Wobar aus Lieske.

Siedlungen

Mehrere Teile der Stadt Welzow wie der Wohnbezirk V, sowie der gesamte Ortsteil Proschim und der Bahnsdorfer Ortsteil Lindenfeld würden direkt in Anspruch genommen und insgesamt 810 Einwohner umgesiedelt. (Auf die Umsiedlung eines Bereiches im Westen von Welzow wurde im November 2010 verzichtet.) Welzow hat derzeit insgesamt ca. 4.100 Einwohner. Da bei keiner Umsiedlung alle Umsiedler an einen gemeinsamen Standort ziehen, ist ein Einwohnerverlust für die Stadt unausweichlich. Diese Schwächung kann Welzow nicht mehr verkraften. Beim einer Befragung im März 2011 im Wohnbezirk V sprachen sich nur 64 der insgesamt 245 Haushalte dafür aus, im Fall des Teilfeldes II innerhalb Welzows umzusiedeln.
Der Ortsteil Proschim verweigert jegliche Befragung zur eventuellen Umsiedlung.

Randbetroffenheit

Die Lage als Halbinsel zwischen den Tagebauen Welzow I und II würde nicht nur die Lebensqualität Welzows durch Lärm, Staub und Verlust des Umlandes zerstören, sondern die Stadt auch als Wirtschaftsstandort extrem schädigen, so dass weiterer Arbeitsplatzverlust droht. Die Zerschneidung der Straßenverbindung nach Spremberg schädigt Pendler und Gewerbetreibende. Den Ort Lieske auf einen schmalen Streifen zwischen (gesperrten) alten und künftigen Bergbauflächen zu zwingen, wäre unzumutbar. Auch in Bahnsdorf würde die Lebensqualität durch die Lage direkt an der Abbaukante extrem geschädigt. Nur etwa 200 Meter sollen in Bahnsdorf und Welzow zwischen Wohnhäusern und Tagebau bleiben, in diesen Streifen lägen noch die Leitungen und Trassen des Tagebaus. Als Tagebaurandgemeinden wären auch Bluno und Klein Partwitz auf sächsischem Gebiet sowie im späteren Verlauf Allmosen, Lindchen und Neupetershain betroffen..

Wirtschaft

Der bestehende Verkehrslandeplatz wäre ebenfalls in Frage gestellt. Das Teilfeld II würde das wirtschaftliche Potenzial des Flugplatzgeländes für die Stadt vernichten. In Proschim ist der flächenmäßig größte landwirtschaftliche Betrieb Brandenburgs beheimatet. Der Tagebau würde 865 ha Landwirtschaftsfläche vernichten, die auf Kippenböden auch in Jahrzehnten nicht gleichwertig ersetzt werden können. Hier werden Existenzen vernichtet, aber langfristig keine neuen geschaffen. Allein der Firmenverbund Proschim besteht aus 5 GmbHs mit 89 Angestellten. Die indirekt in vor- und nachgelagerten Unternehmern gesicherten sind dabei nicht mitgezählt.

Erneuerbare Energien

Das Abbaugebiet liefert bereits heute einen deutlichen Überschuß an Strom aus Erneuerbaren Energien. Allein im Dorf Proschim sind 850 KWp Fotovoltaikanlagen und eine Biogasanlage von 536 KWel installiert. Auf dem Gelände des Flugplatzes befindet sich ein Solarpark von 18,7 MWp im Aufbau. Hier bestünde auch langfristig Potenzial zur Energieerzeugung, das durch den Tagebau zugunsten der „Brückentechnologie“ Braunkohle zerstört würde. In direkter Nachbarschaft zum Abbaugebiet wurden bereits im Jahr 1997 vier Windkraftanlagen aufgestellt, um Alternativen zur Braunkohle aufzubauen.

Natur

Das Abbaugebiet umfasst einen Teil des FFH-Gebietes „Weißer Berg bei Bahnsdorf “, welches durch die von der Eiszeit geschaffenen Binnendünen geprägt ist. In der Gemarkung Proschim befinden sich ähnliche als Naturdenkmal geschützte Binnendünen in der Nähe des Bauernteichs. Das „Scheak’sche Bruch“ war eines der ersten im deutschen Reich naturwissenschaftlich erfassten Gebiete, vor der Grundwasserabsenkung für den benachbarten Tagebau kam dort u.a. der „fleischfressende“ Sonnentau vor. Heute wirkt vor allem der Zollhausteich als grüne Oase und Naherholungsgebiet. Wälder und Alleen strukturieren den landwirtschaftlich geprägten Raum. Diese gewachsene Kulturlandschaft hat gerade angesichts der südlich angrenzenden Bergbaufolgelandschaft (Restlochkette) besonderen Wert.

Wasserhaushalt

Der Plan würde Zustand des Grundwassers im Gebiet noch weiter verschlechtern und durch Entwässerung tieferer Schichten Versauerung und Sulfateintrag in die Oberflächengewässer erhöhen. Das Abbaugebiet soll nach Süden durch eine unterirdische Dichtwand abgedichtet werden. Der Dichtwandverlauf wird zur Zeit gerichtlich angefochten, in der eiszeitlich gestörten Rinnenstruktur kann von wirksamer Abdichtung nicht ausgegangen werden.
Da zur Stadt Welzow keinerlei Dichtwand vorgesehen ist, drohen hier weitere Bergschäden bei der Absenkung wie beim Wiederanstieg des Grundwassers. Die Dichtwand ist zeitnah an der Grenze des Teilfeldes I zu errichten.

Kultur

Der Ortsteil Proschim mit dem typisch-wendischen Hufendorf und seinen Vierseitenhöfen „Senftenberger Art“ umfasst mit Wäldern und landwirtschaftlichen Nutzflächen mehr als 1.350 Hektar. Zahlreichen Gebäude sind denkmalschutzwürdig, so die vor wenigen Jahren restaurierte „Mäkelt-Kirche“, die „Alte Schule“, sowie die „Museumsscheune“ und die „Alte Mühle“, wo der Verein für traditionelle Landtechnik und bäuerliche Lebensart ein Museum einrichtete. Ein technisches Denkmal stellt die derart im Land Brandenburg einzigartige Dampflokomobile dar. Proschim wurde mehrfach als schönstes und aktivstes Dorf des Landkreises ausgezeichnet. Im historischen Dorfkern von Welzow steht im Zentrum die 1740 errichtete Kreuzkirche. Proschim gehört zum sorbischen Siedlungsgebiet der sorbischen / wendischen Minderheit, das unter dem Schutz der Brandenburgischen Verfassung steht. Ein im Braunkohlenplaverfahren durchgeführtes Gutachten kommt zu dem Schluß, dass die sorbische/wendische Kultur "bis heute einen bedeutsamen Teil der Kultur und Identität darstellt.

Planungsstand

Vattenfall hat 2007 den Antrag auf Einleitung eines Braunkohleplanverfahrens gestellt. Dieses soll nach dem Willen der Landesregierung spätestens 2015 abgeschlossen sein. Am 24. Juni 2009 fand ein so genannter Scoping-Termin zu Umfang und Methodik der Untersuchungen im Planverfahren statt. Mit der strategischen Umweltprüfung (SUP) beauftragte die Landesplanungsabteilung die Gutachterfirma Fugro, die von den Umweltverbänden wegen jahrelanger Tätigkeit für Vattenfall und personellen Verflechtungen mit dem Konzern nicht als unabhängig akzeptiert wird.
Im Herbst 2010 wurde der Verzicht auf Teile des Abbaufeldes im Westen der Stadt Welzow verkündet, wodurch sich die Zahl der Umsiedler reduzierte und nun noch 204 statt 210 Mio. Tonnen Kohle zum Abbau vorgesehen sind.
Die öffentliche Auslegung von Planentwurf und Umweltbericht fand vom 01. September bis 30. Oktober 2011 statt, die Stellungnahmefrist endete am 30. November 2011. Bekanntmachung, Planentwurf und Umweltbericht wurden veröffentlicht auf www.gl.berlin-brandenburg.de

Ist Welzow II ein neuer Tagebau ?

Um den Tagebau durchzuführen, müßte ein neuer Braunkohlenplan beschlossen und ein neuer Rahmenbetriebsplan genehmigt werden. Damit handelt es sich eindeutig um ein neues Bergbauvorhaben. Seit Jahren wird versucht die Öffentlichkeit darüber zu täuschen, um den Eindruck zu verbreiten, die Entscheidung sei längst gefallen. Das ist aber nicht der Fall, das Planverfahren muß ergebnisoffen geführt werden.

Der Beitrag wurde dankenswerter Weise von der GRÜNEN LIGA/ Umweltgruppe Cottbus zur Verfügung gestellt